Die Wahrheit über 1989:
Nicht "Freiheit" siegte, sondern Schaufenster Eine Frage wird Ostdeutschen häufiger gestellt als jede andere. Seit Jahrzehnten
Nicht "Freiheit" siegte, sondern Schaufenster
Eine Frage wird Ostdeutschen häufiger gestellt als jede andere. Seit Jahrzehnten zuverlässig. Vor allem immer dann, wenn man es wagt – und das ist bis heute unerwünscht –, DDR-Errungenschaften positiv herauszustellen oder der bequemen Schwarz-Weiß-Erzählung vom "grauen Unrechtsstaat" zu widersprechen, in dem angeblich alle hungerten, sich gegenseitig bespitzelten und vom goldenen Westen errettet werden mussten...
Die Frage lautet banal, fast schon vorwurfsvoll: "Ja, aber warum wart ihr denn 1989 auf der Straße?"
Dieser Text will ausnahmsweise einmal nicht politisch belehren und nicht übertheoretisieren. Er ist das Ergebnis einer kritischen Selbstreflexion. Denn ja: Wir wurden übertölpelt. Ja: Die letzte Volkskammerwahl 1990 war manipuliert, beeinflusst durch die BRD und gekauft durch ausländische Wahleinmischung (Glaubst Du nicht? Historischer Fakt 👉 Zum Artikel). Ja: Viele, viele Menschen, die durch das hervorragende DDR-Bildungssystem durchaus klug, politisiert und engagiert waren, wollten mehr Mitspracherecht, wollten mehr Demokratie, wollten den Staat, ihren Staat, verändern – keineswegs eine Annexion an die BRD forcieren. All das sind Themen, die wir oft genug aufgearbeitet haben und die zumindest jedem, der wirklich Interesse hat, mittlerweile geläufig sein dürften. Und nun kommen wir zur Quintessenz. Die sogenannte "Wende" nahm erst dann wirklich Fahrt auf, als sich die Masse beteiligte. Wir waren dabei. Unsere Eltern standen auf der Straße. Wir saßen als Kinder vor dem Fernseher, sahen Westfernsehen 1989 und hatten Angst, weil niemand wusste, was passieren würde. Ob es gewalttätig wird oder nicht. Und die bittere Wahrheit – aus unserer Sicht als Zeitzeugen – ist diese: Als die große Bewegung durch den Anschluss der Massen entstand, ging es schon lange nicht mehr um einen demokratisierten Sozialismus. Nicht mehr um mehr Mitbestimmung. Nicht mehr um das Aufbrechen der zugegeben verkrusteten Strukturen der DDR-Führung. Die bittere Wahrheit ist: Es ging um Reisefreiheit, vor allen Dingen aber um: Konsum. Wir im Osten waren über mehr als zehn Jahre durch buntes westdeutsches Werbefernsehen konditioniert. Nicht vom Kapitalismus als System. Nicht von einer anderen Gesellschaftsform. Nicht von westlicher Propaganda im politischen Sinne – im Gegenteil: Durch das sehr gute DDR-Bildungssystem wussten viele von uns über das Gesellschaftssystem des Westens oft besser Bescheid als die Westdeutschen selbst. Was übrigens bis heute oft der Fall ist... Nein. Die Wende entschied sich nicht im politischen Diskurs, sondern im Schaufenster der westdeutschen Warenwelt.
🥖 VERSORGT, NICHT VERFÜHRT
Ein nüchterner Rückblick auf die Produkt- und Konsumwelt der DDR: Wir Kinder der späten 1970er- und 1980er-Jahre können rückblickend nur eine zentrale Wahrheit festhalten: Uns fehlte es an nichts. Das ist keine Nostalgie und kein Schönreden, sondern nüchterner Konsens unter nahezu allen, die dort gelebt haben.
In der DDR hat kein Kind gehungert. Alte Menschen sammelten keine Flaschen, um über die Runden zu kommen. Das ist keine Phrase, sondern ein überprüfbarer Fakt. Jeder DDR-Bürger kann ihn bestätigen – unabhängig davon, wie er politisch zur DDR steht. Ebenso unstrittig ist: Es gab immer und von allem genug. Lebensmittel, Grundbedarf, Dinge des täglichen Lebens waren immer in den HO-Kaufhallen oder im Konsum vorhanden. Und das übrigens zu unfassbar günstigen Preisen. Delikat, Intershop und Co. ergänzten das Angebot – freiwillig, nicht notwendig.
Es gab keinen Versorgungsmangel. Es gab einen Mangel an Auswahl. Zumindest aus Sicht vieler DDR-Bürger, die die Warenwelt des BRD-Werbefernsehens täglich präsentiert bekamen.
Und genau hier liegt der Punkt.
Wir stammen aus Kleinstädten und Dörfern, wie der Großteil im Osten. Und gerade dort war die Versorgung zu DDR-Zeiten – das wird jeder ehrliche Zeitzeuge bestätigen – besser als heute. Das ist kein Zufall, sondern Systemlogik.
In der DDR ging es um flächendeckende, zuverlässige Versorgung. Heute geht es um eines: Profit.
Haben wir in Staatsbürgerkunde gelernt. Hat sich bewahrheitet.
Das Ergebnis sieht man überall im Osten. In Dörfern, oft selbst in Kleinstädten, gibt es keine Supermärkte mehr. Bäcker schließen reihenweise, weil sie mit den Preisen der großen Ketten nicht mithalten können. Fleischer gibt es kaum noch. Infrastrukturell war die Zeit nach der sogenannten "Wende" für viele Gemeinden, Städte und Dörfer ein klarer Rückschritt – zumindest beim banalen, täglichen Einkauf.
In der DDR gab es selbst im letzten Dorf mit 100 Einwohnern einen Konsum. Klein. Unauffällig. Aber zuverlässig. Er versorgte alle mit Grundnahrungsmitteln. Und nur weil er klein und konkurrenzlos war, hieß das nicht, dass er teuer war. Im Gegenteil:
Die Preise waren überall gleich. Das Brötchen kostete in Blankenhain in Thüringen fünf Pfennig – genauso wie in der Kaufhalle in Berlin-Marzahn. Punkt. Fakt.
Kurz gesagt: Es fehlte uns an nichts Wichtigem. Außer an der großen, bunten Auswahl, die uns das ARD- und ZDF-Werbefernsehen zwischen unseren Lieblingsserien der Achtziger Abend für Abend einhämmerte.
🥖 WAS WIR AUFGABEN: SICHERE VERSORGUNG STATT KONSUMIDEOLOGIE
Heute lebt in Ostdeutschland mittlerweile jedes vierte oder fünfte Kind (je nach Landstrich) in relativer oder absoluter Ernährungsarmut. Das heißt, ganz brutal: Es geht hungrig zu Bett oder kommt hungrig in die Schule. Nichts davon wäre jemals in der DDR möglich gewesen. Was wir nicht hatten, war Überfluss als Ideologie. Keinen Konsum als Persönlichkeitsersatz. Keine 53 Sorten Schokolade mit identischer Rezeptur. Keine fünf Bananenmarken aus denselben drei Plantagen. Essen war kein Glücksspiel in der DDR, kein Monatsende-Drama, kein Lifestyleprodukt. Niemand stand im Laden und rechnete, ob irgendein Lebensmittel noch ins Budget passt. Niemand fragte sich, ob Milch diese Woche Luxus ist. Es gab sie einfach. Punkt. Brot, Brötchen, Milch, Butter, Quark, Eier, Mehl, Zucker, Nudeln, Reis, Kartoffeln, Fleisch, Wurst, Gemüse – ständig verfügbar. Nicht "meistens", nicht "wenn geliefert wurde", sondern zuverlässig. Preise über Jahrzehnte stabil. Inflation kein Alltagsthema, sondern ein Fremdwort. Lebensmittel waren subventioniert – mit voller Absicht. Und wer glaubt, dass Subventionen schlecht sind, oder "die DDR gerade daran zugrunde ging", sollte dringend diesen Artikel lesen: 👉 "War ja alles subventioniert!" – der dümmste Vorwurf der DDR-Debatte. 🏪 WAS WIR AUFGABEN: WOHNORTNAHE VERSORGUNG STATT VERWAHRLOSUNG
Die DDR hatte etwas, das heute fast vollständig verschwunden ist: flächendeckende Grundversorgung. Bis ins kleinste Dorf.
Konsum, HO, Kaufhalle. Kein Event, keine Dauerbeschallung, kein "Kauf dich glücklich, damit du für kurze Zeit deine Probleme vergisst". Du gingst rein, kaufst ein, gingst raus. Einkaufen war Versorgung, nicht Identitätsstiftung. Funktional. Übersichtlich. Wohnortnah.
Alte Menschen, nicht mobile Menschen, Menschen ohne Auto mussten keine Kilometer zurücklegen, um Brot, Milch oder Butter zu bekommen. Der Konsum war da, im wahrsten Sinn "vor Ort". Punkt. Und entscheidend: Die Preise waren überall gleich. Kein ländlicher Aufschlag, kein Standortnachteil. Was heute als "unwirtschaftlich" wegoptimiert wird, war damals soziale Infrastruktur. Versorgung als Aufgabe, nicht als Renditeprojekt. Heute schließen Bäcker, Fleischer, Dorfläden verschwinden, Supermärkte ziehen sich zurück. Für viele Gemeinden im Osten war die Zeit nach der Wende infrastrukturell ein klarer Rückschritt. Niemand definierte sich in der DDR über Einkaufswageninhalte oder darüber, wo er einkauft. Konsum war Mittel zum Zweck, nicht Lebensinhalt. Vielleicht ist genau das der Teil, der heute am schmerzlichsten fehlt. Was wir aufgaben, war nicht nur ein System. Vielleicht das menschenfreundlichste, das (trotz aller Fehler) jemals auf deutschem Boden existierte. Wir gaben Sicherheit, Würde und Orientierung auf – für Auswahl, Glanz und ein Versprechen, das sich nicht halten ließ. Weiter lesen:enter link description here