Der erfundene Weltkrieg
– warum Europas Eliten ohne russische Bedrohung nackt dastehen würden Kaum schaltet man die Nachrichten ein, marschiert er wieder durchs Bild: der
– warum Europas Eliten ohne russische Bedrohung nackt dastehen würden
Kaum schaltet man die Nachrichten ein, marschiert er wieder durchs Bild: der Dritte Weltkrieg. Angeblich steht er kurz bevor, angeblich geplant in Moskau, angeblich minutiös vorbereitet. Beweise? Fehlanzeige. Argumente? Dünner als der Kaffee in Brüssel. Aber das scheint niemanden zu stören. Im Gegenteil: Je weniger Substanz, desto lauter das Getöse. Man muss sich das einmal vorstellen. Russland, ein kapitalistischer Staat mit eigenen inneren Widersprüchen, wird zur allmächtigen, fast mythischen Bedrohung aufgeblasen. Mal ist es der irrationale Autokrat, mal der strategische Superhirn-Teufel, der gleichzeitig unfähig und allmächtig sein soll. Diese Logik kennt man sonst nur aus schlechten Actionfilmen.
Warum also dieser Aufwand?
Ganz einfach: Weil die europäischen Eliten nichts mehr zu verkaufen haben außer Angst. Denn sobald die Sirene vom „russischen Angriff“ verstummt, wird es still im Blätterwald. Und in dieser Stille hört man Dinge, die man lieber übertönt. Explodierende Mieten. Reallohnverluste. Kaputtgesparte Krankenhäuser. Schulen, die aussehen wie Mahnmale neoliberaler Vernachlässigung. Eine Industriepolitik, die sich zwischen Standortgejammer und Subventionsbetteln aufreibt. Kurz: die reale Krise des Kapitalismus im europäischen Gewand.
Darüber will man nicht reden. Also redet man über Panzer.
Die Erzählung vom drohenden Weltkrieg ist kein Ausrutscher, sie ist eine Methode. Wer Angst hat, fragt nicht nach. Wer mobilisiert wird, organisiert keinen Widerstand. Wer ständig auf den äußeren Feind starrt, übersieht den inneren Klassenkampf. Alte Regel, neu verpackt. Plötzlich gelten Milliarden für Aufrüstung als alternativlos, während für Pflegekräfte angeblich kein Geld da ist. Plötzlich muss „Verzicht“ geübt werden, aber nur von unten. Plötzlich wird Kritik an dieser Politik als naiv, gefährlich oder gleich als fünfte Kolonne diffamiert. Das Vokabular wird schärfer, die Debatte flacher.
Das ist kein Zufall, das ist Klassenpolitik.
Die herrschenden Klassen Europas stehen mit dem Rücken zur Wand. Ihr Versprechen von Wohlstand für alle ist geplatzt wie eine Seifenblase im Inflationswind. Ihre Legitimation schrumpft mit jeder Stromrechnung. Also greifen sie zum letzten Mittel, das immer funktioniert hat: äußere Bedrohung, innere Geschlossenheit, Maul halten. Der Witz ist nur: Diese Bedrohung muss inzwischen nicht einmal mehr plausibel sein. Es reicht, sie oft genug zu wiederholen. Ein paar Generäle im Talkshowstudio, ein paar düstere Thinktank-Papiere, ein paar Schlagzeilen mit dem Wort „Putin“ in Großbuchstaben. Fertig ist die Mobilisierung. Dass Russland weder ökonomisch noch militärisch die Kapazitäten für einen europäischen Eroberungsfeldzug hat, interessiert dabei genauso wenig wie die Frage, wem diese Eskalationsrhetorik nützt. Spoiler: nicht den Arbeiterinnen und Arbeitern, nicht den Rentnern, nicht den Jugendlichen ohne Perspektive. Nützen tut sie denen, die ihre eigene Verantwortung vernebeln wollen. Die lieber Raketen zählen als Mietpreise. Die lieber Frontlinien zeichnen als Klassenlinien zu erklären. Die lieber von „unseren Werten“ reden, als zuzugeben, dass diese Werte gerade auf dem Arbeitsmarkt verramscht werden.
Marx hätte daran seine helle Freude gehabt, nicht weil es lustig ist, sondern weil es so durchsichtig ist. Ideologie als Nebelmaschine. Kriegsgeschrei als Ablenkung. Der alte Trick, neu aufgelegt. Das bedeutet nicht, dass man die reale Gefahr von Kriegen kleinreden sollte. Im Gegenteil. Gerade weil Kriege reale, materielle Ursachen haben, sollte man denen nachgehen. Und diese Ursachen liegen nicht im angeblich pathologischen Charakter eines russischen Präsidenten, sondern im globalen Konkurrenzkampf kapitalistischer Staaten, im Ringen um Märkte, Ressourcen und Einflusssphären.
Wer wirklich Frieden will, muss dort ansetzen. Wer stattdessen hysterisch trommelt, will etwas anderes.
Vielleicht sollten wir uns also weniger fragen, ob Russland morgen angreift, und mehr, warum unsere Regierungen heute schon kapitulieren. Vor Konzernen. Vor Banken. Vor einer Wirtschaftsordnung, die keine Antworten mehr hat außer Aufrüstung und Repression.
Der Dritte Weltkrieg wird nicht herbeigeredet, weil er unvermeidlich ist. Er wird herbeigeredet, weil er nützlich ist. Für die da oben. Für uns bleibt die Aufgabe, den Lärm zu durchbrechen. Und klar zu sagen: Eure Angstkampagnen lösen keine Krise. Sie verschieben sie nur. Und das meistens auf unseren Rücken.