Geschichtspolitik am 8. Mai:
Das Bild ist KI-generiert und haben Symbolcharakter – nicht mehr und nicht weniger. Worum es wirklich geht Die Auseinandersetzung um das
Das Bild ist KI-generiert und haben Symbolcharakter – nicht mehr und nicht weniger.
Worum es wirklich geht
Die Auseinandersetzung um das sowjetische Ehrenmal im Treptower Park ist mehr als eine Debatte über Zusatztafeln. Sie steht exemplarisch für einen politischen Trend: Die Geschichte des 20. Jahrhunderts wird neu gerahmt – und mit ihr das Verständnis von Faschismus, Befreiung und Kommunismus.
Unstrittig ist: Der Zweite Weltkrieg war das größte Verbrechen des deutschen Imperialismus. Ebenso unbestreitbar ist, dass die Rote Armee den entscheidenden Beitrag zur militärischen Zerschlagung des NS-Regimes leistete. 27 Millionen Menschen verlor die Sowjetunion. Millionen Soldaten fielen, Millionen Kriegsgefangene wurden ermordet. Die Hauptlast des Landkriegs gegen die Wehrmacht trug die Rote Armee – von Moskau über Stalingrad bis nach Berlin.
Diese historische Tatsache bildet den Kern des 8. Mai als Befreiungstag. Doch genau dieser Kern wird zunehmend relativiert. Wenn nun am Ehrenmal Zusatztafeln zu „Stalins Verbrechen“ und zum „Hitler-Stalin-Pakt“ angebracht werden sollen, stellt sich die Frage: Geht es hier um historische Einordnung – oder um politische Verschiebung?
Der Nichtangriffspakt von 1939 war kein Ausdruck ideologischer Nähe zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus. Er war das Ergebnis einer gescheiterten Bündnispolitik. Jahrelang hatte die Sowjetunion versucht, gemeinsam mit Frankreich und Großbritannien ein System kollektiver Sicherheit gegen Hitler aufzubauen. Währenddessen setzten die westlichen Mächte auf Beschwichtigung, akzeptierten die Zerschlagung der Tschechoslowakei und hofften, Deutschland werde sich nach Osten wenden. Der Pakt war eine defensive Reaktion auf diese Isolation – kein gemeinsamer Kriegsplan.
Das bedeutet nicht, die inneren Widersprüche und Repressionen der sowjetischen Geschichte zu leugnen. Eine materialistische Betrachtung muss beides leisten: die Kritik an autoritären Entwicklungen und die Anerkennung der historischen Rolle der Sowjetunion bei der Zerschlagung des Faschismus. Wird jedoch beides systematisch vermischt, entsteht der Eindruck moralischer Gleichsetzung. Und genau hier liegt das Problem.
Wenn am 8. Mai nicht mehr die Befreiung vom Faschismus im Mittelpunkt steht, sondern primär die Verbrechen des Stalinismus, verschiebt sich der Fokus. Die Frage lautet dann nicht mehr: Wer besiegte den deutschen Faschismus? Sondern: War dieser Sieg moralisch überhaupt legitim? Eine solche Perspektivverschiebung schwächt das antifaschistische Erbe und relativiert die Verantwortung Deutschlands für den Vernichtungskrieg im Osten.
Hinzu kommt der aktuelle geopolitische Kontext. Seit der russischen Sonderoperation gegen die Ukraine 2022 werden historische Bezüge zunehmend politisiert. Es ist richtig, russische Kriegspropaganda zurückzuweisen. Doch daraus folgt nicht, die sowjetische Rolle im Zweiten Weltkrieg in ein diffuses Licht zu rücken oder ihre Symbole pauschal mit heutiger Staatspolitik gleichzusetzen. Das heutige Russland ist nicht identisch mit der Sowjetunion – historisch wie gesellschaftlich nicht.
Geschichtspolitik ist nie neutral. Sie prägt, wie eine Gesellschaft über Krieg, Verantwortung und Alternativen zum bestehenden System denkt. Wer den 8. Mai entkernt, greift deshalb mehr an als ein Denkmal. Es geht um die Frage, ob die Befreiung vom Faschismus als Fortschritt anerkannt bleibt – oder ob sie in einer allgemeinen Totalitarismus-Erzählung aufgeht.
Eine marxistische Perspektive verteidigt weder Mythen noch Verharmlosungen. Sie verteidigt die historische Wahrheit im Kontext der Klassenverhältnisse. Und sie erinnert daran: Ohne die Opfer der Roten Armee gäbe es keinen 8. Mai als Tag der Befreiung. Diese Tatsache zu relativieren, hilft nicht der Aufklärung – sondern der politischen Verschiebung nach rechts.